#Cryptonomicon #Gegenwartsliteratur #Dystopie #gemeinsameBasis
#Machterhalt #Parallelrealiaeten

"Ich glaube, in vielerlei Hinsicht erleben wir gerade eine Dystopie", hat Stephenson kürzlich in einem Interview gesagt. Aus seiner Sicht liegt das am Internet, ganz speziell an Facebook. Der Schriftsteller hält es da mit Jürgen Habermas: Das Publikum "zerfällt im virtuellen Raum in eine riesige Anzahl von zersplitterten, durch Spezialinteressen zusammengehaltenen Zufallsgruppen", hat der vor einigen Jahren geschrieben. "Die Leute haben keine gemeinsame Basis mehr, um miteinander ins Gespräch zu kommen", sagt Stephenson.

Das Monster muss gefüttert werden

All das läuft so offenkundig bis vor Kurzem elementaren amerikanischen Werten zuwider, dass sich nach längerem betretenen Schweigen wenigstens eine knappe Handvoll Republikaner dazu durchringen konnte, Trumps Äußerungen öffentlich zu verurteilen. In Wahrheit weiß die Partei, dass sie das von ihr selbst geschaffene Monster weiter füttern muss, wenn sie eine Chance auf Machterhalt haben will.

Weite Teile der republikanischen Wählerschaft leben längst in einer von Stephensons Parallelrealiäten. Zum Beispiel glaubt, je nach Studie, etwa die Hälfte der Anhänger der Republikaner noch immer, dass Barack Obama nicht in den USA geboren wurde. Die Verschwörungstheorie also, die Trump in seinem Wahlkampf ständig bemühte.

18 oder sogar 31 Prozent der US-Bürger geben an, je nach Befragungsmethode, dass Gott den Menschen in seiner gegenwärtigen Form erschaffen hat, ohne Evolution. 31 Prozent der erwachsenen US-Bürger glauben auch, dass es sich bei der Bibel buchstäblich um das Wort Gottes handelt, ohne Interpretationsspielräume. Unter den evangelikalen Protestanten sind es 55 Prozent.

Nächstenliebe ist optional

Interessanterweise findet ausgerechnet in dieser letzten Gruppe nur ein Viertel, dass die USA eine Verantwortung hätten, Flüchtlinge aufzunehmen - ein geringerer Anteil als in jeder anderen untersuchten gesellschaftlichen Gruppe. Nächstenliebe, Ehrlichkeit oder die eheliche Treue ihres Präsidenten sind für die Mehrheit der Evangelikalen in den USA optional, so lange es gegen die Richtigen geht.
Baby im Trump-Strampelanzug in North Carolina.
Nicholas Kamm/ AFP

Baby im Trump-Strampelanzug in North Carolina.

Die toxische Kombination aus religiös unterfütterter Selbstgerechtigkeit, Rassismus, Besessenheit von Schusswaffen und einem nicht mehr verhohlenen Gefühl weißer Überlegenheit scheint in den vergangenen Jahren zugenommen zu haben. Schuld daran ist aber wohl nicht nur das Internet, wie Stephenson vermutet, sondern mindestens ebenso sehr die von Rupert Murdochs Fox-Imperium und von Akteuren wie den Koch-Brüdern, Julian Sinclair Smith und der Familie Mercer betriebenen Propagandaimperien.

"Man bekommt ohne Fox News keine schäumende Menge, die 'Send her back' skandiert", titelte die auf die Beobachtung konservativer Medien spezialisierte Plattform "Media Matters" diese Woche. Talkmoderatoren wie Tucker Carlson haben einen offen rassistischen Diskurs, wie ihn Trump pflegt, längst normalisiert.

https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/usa-unter-donald-trump-die-dystopie-ist-schon-hier-kolumne-a-1278152.html
#Cryptonomicon #Gegenwartsliteratur #Dystopie #gemeinsameBasis #Machterhalt #Parallelrealiaeten "Ich glaube, in vielerlei Hinsicht erleben wir gerade eine Dystopie", hat Stephenson kürzlich in einem Interview gesagt. Aus seiner Sicht liegt das am Internet, ganz speziell an Facebook. Der Schriftsteller hält es da mit Jürgen Habermas: Das Publikum "zerfällt im virtuellen Raum in eine riesige Anzahl von zersplitterten, durch Spezialinteressen zusammengehaltenen Zufallsgruppen", hat der vor einigen Jahren geschrieben. "Die Leute haben keine gemeinsame Basis mehr, um miteinander ins Gespräch zu kommen", sagt Stephenson. Das Monster muss gefüttert werden All das läuft so offenkundig bis vor Kurzem elementaren amerikanischen Werten zuwider, dass sich nach längerem betretenen Schweigen wenigstens eine knappe Handvoll Republikaner dazu durchringen konnte, Trumps Äußerungen öffentlich zu verurteilen. In Wahrheit weiß die Partei, dass sie das von ihr selbst geschaffene Monster weiter füttern muss, wenn sie eine Chance auf Machterhalt haben will. Weite Teile der republikanischen Wählerschaft leben längst in einer von Stephensons Parallelrealiäten. Zum Beispiel glaubt, je nach Studie, etwa die Hälfte der Anhänger der Republikaner noch immer, dass Barack Obama nicht in den USA geboren wurde. Die Verschwörungstheorie also, die Trump in seinem Wahlkampf ständig bemühte. 18 oder sogar 31 Prozent der US-Bürger geben an, je nach Befragungsmethode, dass Gott den Menschen in seiner gegenwärtigen Form erschaffen hat, ohne Evolution. 31 Prozent der erwachsenen US-Bürger glauben auch, dass es sich bei der Bibel buchstäblich um das Wort Gottes handelt, ohne Interpretationsspielräume. Unter den evangelikalen Protestanten sind es 55 Prozent. Nächstenliebe ist optional Interessanterweise findet ausgerechnet in dieser letzten Gruppe nur ein Viertel, dass die USA eine Verantwortung hätten, Flüchtlinge aufzunehmen - ein geringerer Anteil als in jeder anderen untersuchten gesellschaftlichen Gruppe. Nächstenliebe, Ehrlichkeit oder die eheliche Treue ihres Präsidenten sind für die Mehrheit der Evangelikalen in den USA optional, so lange es gegen die Richtigen geht. Baby im Trump-Strampelanzug in North Carolina. Nicholas Kamm/ AFP Baby im Trump-Strampelanzug in North Carolina. Die toxische Kombination aus religiös unterfütterter Selbstgerechtigkeit, Rassismus, Besessenheit von Schusswaffen und einem nicht mehr verhohlenen Gefühl weißer Überlegenheit scheint in den vergangenen Jahren zugenommen zu haben. Schuld daran ist aber wohl nicht nur das Internet, wie Stephenson vermutet, sondern mindestens ebenso sehr die von Rupert Murdochs Fox-Imperium und von Akteuren wie den Koch-Brüdern, Julian Sinclair Smith und der Familie Mercer betriebenen Propagandaimperien. "Man bekommt ohne Fox News keine schäumende Menge, die 'Send her back' skandiert", titelte die auf die Beobachtung konservativer Medien spezialisierte Plattform "Media Matters" diese Woche. Talkmoderatoren wie Tucker Carlson haben einen offen rassistischen Diskurs, wie ihn Trump pflegt, längst normalisiert. https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/usa-unter-donald-trump-die-dystopie-ist-schon-hier-kolumne-a-1278152.html
USA unter Donald Trump: Die Dystopie ist schon hier - Kolumne
Science-Fiction-Autoren sehen die Zukunft manchmal klarer als andere. Blickt man durch die Augen des oft prophetischen Neal Stephenson auf das Trump-Spektakel dieser Woche, kann einem angst und bange werden.
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